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SC Lyss vs Hockey Huttwil 2:7
Erst Hockey gearbeitet, dann Hockey zelebriert
Hockey Huttwil gewinnt eine schnelle, intensive Partie am Ende gegen ein aufopfernd kämpfendes, leidenschaftliches Lyss zu hoch mit 7:2 (2:0, 0:3, 0.4). Es war ein hartes Stück Arbeit, einen 0:2-Rückstand im ersten Drittel in einen sicheren Sieg umzuwandeln.
Die Huttwiler haben diese Saison schon schöner und optisch besser gespielt. Aber noch nie waren sie so sehr ein Spitzenteam wie bei diesem 7:2 in Lyss. Sie beginnen miserabel, unkonzentriert und überheblich. Nach 7 Minuten führt Lyss bereits 2:0. Jamie Villard (18), der Sohn von Biels Manager Daniel Villard trifft unhaltbar für Siro Nicola Wyss ins hohe Eck zum 1:0. Timo Merz walzt über die Aussenbahn, zieht nach innen und der Puck liegt zum 2:0 im Netz. Nun zieht Cheftrainer Daniel Bieri die Notbremse. Er nimmt ein Time-Out um seine Männer zur Ordnung zu rufen. Nur langsam stabilisiert sich das Spiel. Die jungen Lysser haben Fahrt aufgenommen und stürmen geradlinig, mutig und mit viel Energie. Siro Nicola Wyss hält seine wankenden Vordermänner im Spiel. Die Seeländer haben Chancen für drei, vier weitere Treffer, dominieren das erste Drittel mit 13:9 Torschüssen und Jamie Villard (er hat diese Saison auch bereits eine Partie für Biel gespielt) wird im weiteren Verlauf der Partie auch noch mit einem Pfostenschuss Pech haben. Er ist die Lysser Antwort auf Timo Braus.
Während der Pause redet Daniel Bieri Klartext und nun kommt eine andere Mannschaft aus der Kabine. Im Eishockey gelingt es nur grossen Mannschaften ein Spiel noch zu wenden, das mit einer Larifari-Einstellung begonnen worden ist. Den Huttwilern gelingt diese „Meisterprüfung“. Mit Härte, Disziplin und guter Spielorganisation brechen sie nach und nach den gegnerischen Schwung, bekommen Oberhand und dominieren das Mitteldrittel mit 20:9 Torschüssen. Dieses Spiel zu drehen ist ein hartes Stück Arbeit und typisch dafür der Anschlusstreffer: Während eines Powerplays wird im Gedränge vor dem Kasten des starken Matteo Maruccia das 2:1 im besten Wortsinn erzwungen. 33 Sekunden vor der zweiten Pause trifft Stefan Diezi zum 3:2. Es ist, wir sich zeigen wird, die Entscheidung.
Die Lysser haben nicht mehr die Energie, um den Huttwilern wie im ersten Drittel davonzulaufen und sie haben keine Routiniers, die dazu in der Lage sind, die Scheibe zu halten, Ruhe ins Spiel zu bringen und die Führung zu verwalten. Die Ordnung zerfällt, die Räume öffnen sich und nun haben die Huttwiler Raum und Zeit, um ihre Klasse auszuspielen. Coach Freddy Reinhard nimmt nach einem Zwei-Minuten-Ausschluss von Timon Nyffeler seinen Torhüter bereits in der 51 Minute vom Eis, um das Powerplay aufzuladen. Die Huttwiler führen bereits 5:2, es ist die letzte Chance. Aber Silvan Hess trifft ins verlassene Gehäuse zum 6:2. Am Ende lässt das klare Resultat (7:2) und die statistische Dominanz mit 38:28 (9:13, 20:9, 9:6) Torschüssen vergessen, wie viel Mühe die Huttwiler in der ersten Hälfte des Spiels hatten. Ein Resultat, das auch den mutigen, leidenschaftlichen Auftritt der Lysser nicht honoriert. Der Unterhaltungswert der Partie war jederzeit hoch. In der ersten Spielhälfte haben die Huttwiler im spielerischen Werktagskleid Eishockey mehr gearbeitet als gespielt, um die Wende zu erzwingen und profitieren von der Kampfkraft und Leidenschaft der spielerischen „Hinterbänkler“. In den letzten 20 Minuten zelebrieren sie im spielerischen Sonntagsgewand Spektakelhockey: Timo Braus (24), längst der treffsicherste Stürmer der Liga, ist mit seiner Kombination aus Schlauheit, Schnelligkeit, Schusskraft und Übersicht der „Marco Lehmann des armen Mannes“. Und der ehemalige SCB-Junior René Bruni (32) erlebt einen goldenen Karriere-Herbst: Mit einem Direktschuss erzielt er in der 45. Minute unhaltbar zum 2:4. Wiederum trifft er so platziert, dass wohl auch ein Torhüter aus der höchsten Liga keine Chance gehabt hätte. Sein 9. Saisontor. Die beharrliche Arbeit an seiner Schusstechnik zahlt sich aus: Sein Schuss war schon immer der härteste, aber bei weitem nicht der präziseste der Liga. Nun hat er gelernt, weniger hart, aber präziser zu schiessen. Mehr Technik, weniger Wucht. In Lyss haben wir die ganz besondere Qualität von Hockey Huttwil gesehen: Zusammenhalt, geschicktes Coaching, die richtige Mischung aus Arbeitern und Künstlern und eine gute Balance zwischen Offensive und Defensive. Ein Spitzenteam eben.
Klaus Zaugg