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Hockey Huttwil vs HCV Martigny 0:4
in unberechenbares Glücksspiel auf rutschiger Unterlage…
Krise oder nur ein kurzer Tankstopp vor den Playoffs? Das ist die Frage. Hockey Huttwil, das offensiv beste Team der Liga verliert gegen Martigny erstmals in dieser Saison „zu null“ (0:4).
Eishockey ist nicht nur ein raues Spiel für harte Männer und ein nicht ganz so rauer Zeitvertreib für Frauen. Eishockey ist auch ein unberechenbares Glücksspiel auf rutschiger Unterlage. Genau das war der hochstehende, dramatische Spitzenkampf zwischen Hockey Huttwil und Martigny. Hinter dem klaren Schlussresultat (0:4) versteckt sich ein veritables Drama von hohem Unterhaltungswert, bei dem der Faktor „Glück“ auch eine wichtige Rolle gespielt hat. Die zwei Teams suchten von allem Anfang an konsequent die Offensive, trugen das Spektakel so schnell wie möglich vors gegnerische Tor und der Puck flitzte hin und her wie der Filzball beim Tennis.
Das 1:3 gegen Langenthal hat die Huttwiler im Stolz verletzt und die 2:3-Penalty-Niederlage in Thun war ein Ärgernis. Dieses 0:4 gegen Martigny ist die dritte Niederlage hintereinander und wirft nun erstmals Fragen auf. Ist die Mannschaft ausgerechnet kurz vor dem Ende der Qualifikation und dem Beginn der Playoffs in eine Krise geraten? Gibt dieses 0:4 Anlass zur Sorge?
Natürlich war es auch ein unberechenbares Glücksspiel auf rutschiger Unterlage. Der Puck wollte einfach nicht den Weg der Huttwiler gehen. Sie hatten Chancen für fünf oder sechs Tore. Sie scheiterten ausnahmslos am flinken italienischen Junioren-Nationaltorhüter Edoardo Berti (20), einem flinken, temperamentvollen Spektakel- und Reflexgoalie, der in der Schweiz ausgebildet worden ist und deshalb eine Schweizer Lizenz hat. Gegen den Berti skoren eben nicht Kreti und Pleti. Oder die Schüsse wurden von seinen robusten, kräftigen, leidenschaftlich kämpfenden Vordermännern geblockt, die sich nie einschüchtern liessen. Und ja, es fehlte eben auch das Glück. Oder war es vielleicht auch ein wenig Unvermögen? Es war eine Mischung aus beidem.
Die entscheidende Szene: Rui Zryd kassiert die erste Strafe des Spiels (29. Minute). Martigny zieht das Powerplay auf, Yannick Lerch entwischt, zieht allein los und kann zum 1:1 einlochen. Der Ausgleich in Unterzahl hätte das Layout des Spiels geändert, bei den Huttwilern Emotionen entfacht und Martigny verunsichert. Eduardo Berti pariert irgendwie, das Spiel läuft wieder in die andere Richtung und Martigny nützt das Powerplay zum 0:2 (30. Minute). Fast die Entscheidung. In der Schlussphase wird es noch einmal dramatisch. Denn eines ist klar: Ein Anschlusstreffer zum 1:2 würde Martigny noch einmal ins Wanken bringen. Fabian Haldimann trifft den Pfosten, der Puck rutscht hinter Edoardo Berti der Linie entlang auf die andere Seite auf den Stock von Joel Bieri – und der trifft das leere Tor nicht. Das ist die Entscheidung. Das 0:3 und das 0:4 haben nur noch Bedeutung für die Statistik.
Dieses Drama war ein Kampf der Titanen: Der feuerkräftigste Sturm (Huttwil, 116 Tore) gegen die stabilste Abwehr (Martigny, 57 Tore). Eine alte Hockey-Weisheit sagt, dass in einem Spitzenspiel in der Regel die Defensive entscheidet, sofern der Torhüter kein Lottergoalie ist. Edoardo Berti war nun wahrlich alles andere als ein Lottergoalie und auch Kevin Liechti hielt ordentlich. So gesehen ist das Resultat sogar logisch. Und letztlich hatte Martigny mit mehr Spielanteilen – 27:21 (8:7, 11:9, 8:5) Torschüsse – das Glück des Tüchtigen eben auch verdient. Die Walliser hatten nicht nur dieses statistische Plus an Abschlüssen. Sie entwickelten während des Spiels mehr Emotionen, feuerten sich gegenseitig an, quittierten auf der Bank jeden Check, jeden geblockten Schuss mit Rufen und Stockgeklapper.
Krise oder nur eine kurzer Tankstopp vor den Playoffs? Nicht so schlimm, dass von einer Krise gesprochen werden muss. Aber drei Niederlagen hintereinander (zum ersten Mal in dieser Saison) und das erste Spiel ohne Tor sind nicht einfach ein harmloser kurzer Tankstopp. Die Form steht auf der Kippe. Nun ist Trainer Daniel Bieri gefordert. Damit Emotionen, Energie und Selbstvertrauen wieder vollumfänglich zurückkehren.
Am Samstag folgt im Campus Perspektiven das 32. und letzte Qualifikationsspiel gegen den Tabellenletzten Lyss (17.15 Uhr) und dann folgt eine Woche Pause bis zum Playoffstart. In dieser letzten Runde am Samstag ist für Hockey Huttwil von Platz 1 und Qualifikationssieg bis Rang 5 noch alles möglich. Doch entscheidender als die Schlussklassierung: In dieser letzten Partie geht es gerade für die Schlüsselspieler auch darum, die Dämonen des Zweifels und der Frustration zu vertreiben. Topskorer Timo Braus hat zuletzt am 20. Januar beim Heimspiel gegen Franches Montagnes (2:1) ins gegnerische Netz getroffen. Seither ist er nacheinander gegen Lyss, noch einmal gegen Franches Montagnes, gegen Langenthal, gegen Thun und nun gegen Martigny leer ausgegangen. Etwas salopp dürfen wir sagen: Sage mir, wie es Timo geht und ich sage Dir, wie es um Hockey Huttwil steht. Mit einem oder zwei Toren gegen Lyss könnte er sein Selbstvertrauen bürsten und kämmen und wieder auf Hochglanz polieren.
Der Optimist verweist mit Recht auf eine alte welsche Weisheit: „Reculer pour mieux sauter“ Frei übersetzt: „Ein paar Schritte zurück, um dann mit Anlauf weiter zu springen.“ So gesehen haben die Huttwiler nun mit drei Niederlagen genug Anlauf genommen, um in den Playoffs weit zu springen.
Zusatzinfo: Saisonende für Silvan Hess
Hockey Huttwil muss auf seinen zweitbesten Torschützen verzichten: Die Fussverletzung, die sich Silvan Hess (27) im Spiel gegen Langenthal zugezogen hat, ist schwerwiegender als zuerst vermutet. Er kann diese Saison nicht mehr eingesetzt werden. Der kräftige Center hat in 28 Partien 13 Tore und 9 Assists beigesteuert und sich keine einzige Strafminute zuschulden kommen lassen.
Headcoach Daniel Bieri, Hockey Huttwil
Verteidiger David Burri, HCV Martigny