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Wenn Huttwiler zu sehr wollen…

Hockey Huttwil verliert den vierten Final auf eigenem Eis gegen Seewen mit 0:3. Nun fällt die Entscheidung um den Meistertitel der Amateure am Dienstag in Seewen.

Hockey Huttwil kann Drama. Nur das Happy End, es will sich noch nicht einstellen. 1931 Frauen, Männer und Kinder sind am Sonntagnachmittag in den Campus Perspektiven geeilt. Eine Zahl, die bei den zahlreichen SCB-Nostalgikern im Stadion ein leises Seufzen hervorruft – sie entspricht exakt dem Gründungsjahr des erfolglosen Berner Traditionsklubs. Seit der Wiederaufbereitung des Eises gestattet die Gebäudeversicherung maximal exakt 1945 Zuschauer. Für das ganz grosse, restlos gefüllte Haus fehlen also nur fünfzehn Menschen – eine kaum wahrnehmbare Differenz zwischen Möglichkeit und Vollendung. Und doch: Es ist Rekord, ein neuer Höchstwert seit der Wiedereröffnung, der die bisherige Bestmarke von 1664 Schaulustigen (4. Finalspiel gegen Basel im März 2022) deutlich übertrifft.

Alles ist bereit für ein Sportfest, wie es das Städtchen in seiner langen Geschichte – seit 1265 – noch nicht erlebt hat. Der Spielbeginn am Sonntagnachmittag (15.00 Uhr) ist perfekt terminiert. Werden die Huttwiler Meister, so bleibt genug Zeit zum Feiern. Schliesslich müssen die meisten – und alle Spieler – am Montag wieder pünktlich zur Arbeit erscheinen. Die Stimmung ist erwartungsfroh, fast feierlich: Die Nationalhymne ertönt vor dem Spiel über die Soundanlage des Campus. Alle erheben sich. So wie es sich gehört, wenn um einen Meistertitel gespielt wird.

Und doch nimmt der Tag eine andere Wendung als erhofft. Am Ende gleicht die Stimmung einer Hochzeit, die mit grösster Sorgfalt vorbereitet worden ist, die Braut dann doch nicht erscheint und die Tanzmusikanten irgendwo im Stau steckengeblieben sind. Ein Fest ohne Höhepunkt, ein Versprechen ohne Erfüllung. Hockey Huttwil verliert mit 0:3. Ach, wie manche Flasche ist ungeöffnet, wie manches Glas leer geblieben!

Die Niederlage zeichnet sich früh ab und schleicht ins Spiel wie ein leiser Schatten, der sich nicht mehr vertreiben lässt. Das Drama bleibt – das Happy End wird vertagt. Die Entscheidung fällt nun am Dienstagabend in Seewen.

Warum hat es nicht gereicht? Es ist die Frage, die die Menschen auf dem Heimweg begleitet, leise und hartnäckig. Es gibt zwei Antworten.

Erstens war Seewen besser. Ja, Seewen gelingt ein nahezu perfektes Spiel. Oder wie Huttwils Trainer Daniel Bieri hinterher sagen wird: „Seewen ist erwacht und war ganz einfach besser.“ So war es. Seewen war in jeder Beziehung besser. Es ist die mit Abstand stärkste Partie des Titelverteidigers in dieser Finalserie, geprägt von Robustheit, Klarheit, Disziplin und kühler Effizienz. Seewen hat mehr Energie, dominiert während langen Phasen, kontert geradliniger, abgeklärter und behält in vielen Zweikämpfen mit gesunder Härte die Oberhand: Keine einzige Strafe. Die Hockeygötter mussten nicht Würfeln. Glück und Pech und Zufall spielten keine Rolle.

Zweitens sind die Huttwiler auch ein Opfer der hohen Erwartungen geworden. Spiele auf diesem Niveau zwischen zwei hockeytechnisch praktisch gleichwertigen Teams werden nicht nur mit den Füssen und Händen, sie werden auch im Kopf entschieden. Die Aufregung rund um diese Partie, im Städtchen, im Alltag der Spieler ist gross. Es ist möglich, auf eigenem Eis die helvetische Amateurmeisterschaft zu erringen! Eine Rekordkulisse wird erwartet! Das aufregendste Spiel der Saison! Und rundherum werden Vorkehrungen getroffen, wie im Falle eines Falles der Triumph würdig gefeiert werden kann. Natürlich nicht vom Klub. Niemals ist eine Meisterfeier ein Thema bevor der Titel gewonnen ist. Im Umfeld aber schon. Aus einem Heimvorteil wird ein Heimnachteil. Wo Leichtigkeit sein müsste, entsteht Schwere. Wo Instinkt regieren sollte, tritt das Denken an seine Stelle.

Wenn Huttwiler zu sehr wollen – so lässt sich diese Partie zusammenfassen. An Willen, Leidenschaft und Mut mangelt es nicht. Aber dem Gegner eben auch nicht. Das Spiel ist intensiv, intensiver als an manchen Abenden in der höchsten Liga. Immer wieder brandet ein tausendfaches „Ahhhh“ und „Ohhhh“ von den Rängen. Kollektives Aufatmen, geteiltes Hoffen. Und doch bleibt den Huttwilern der erlösende Torjubel versagt.

Der erste Treffer, so oft der Schlüssel in engen Spielen, will nicht fallen. Weil Seewen standhält. Weil Torhüter Christian Schön Ruhe ausstrahlt, wo andere ins Wanken geraten würden. Und weil Huttwil die entscheidende Prise Leichtigkeit, Unbeschwertheit, Kreativität fehlt, die ein Spiel plötzlich öffnen kann. Auch die beste Linie mit dem zähen Robin Nyffeler, dem charismatischen Michael Lüdi und dem flinken, smarten SCB-Elitejunioren Yannic Offner wird neutralisiert und bleibt in der gegnerischen Abwehr hängen.

Das Drama lässt sich auf einen Satz reduzieren: Wenn Huttwiler zu sehr wollen. Wer zu sehr will, verkrampft. Wer verkrampft, verliert den Fluss. Aus Bewegung wird Mühe, aus Spiel wird Arbeit. Die Stöcke werden fester gehalten, zu fest, die Pässe einen Augenblick zu spät gespielt, die Entscheidungen um einen Gedanken zu viel verzögert.

Das 0:1 kurz vor der ersten Pause (19. Minute) lenkt die Partie in ungünstige Bahnen. Die vorangehenden drei Finalpartien hat stets das Team gewonnen, das 1:0 in Führung gegangen ist. Das 2:0, blitzschnell herausgespielt, in Entstehung und Vollendung Weltklasse, ist bereits kurz vor Spielhälfte (28. Minute) die Entscheidung. Trainer Daniel Bieri reagiert in der Schlussphase früh (55:34 Minute) und bringt einen sechsten Feldspieler für den Torhüter – ein Zeichen des Mutes, aber mehr noch auch der Verzweiflung. Doch die Wirkung bleibt aus. Der dritte Treffer ins leere Tor besiegelt das Resultat. Zu Recht werden Siro Nicola Wyss und Christian Schön als beste Spieler ihrer Teams ausgezeichnet. Mit Lottergoalies hätte es auch ein 6:7 geben können.

Keine Siegesfeier. Oder noch keine Siegesfeier? Daniel Bieri bringt es gleich nach der Schlusssirene auf den Punkt: „Die Vorfreude auf das fünfte Spiel am Dienstag ist grösser als die Enttäuschung über die Niederlage. Nun muss Seewen mit den hohen Erwartungen fertig werden.“ Trotz statt Resignation. Ein Satz, der mehr ist als Zweckoptimismus. Er ist ein Versprechen.

Vom EHC Seewen wird am Dienstag auf eigenem Eis eine erfolgreiche Titelverteidigung erwartet. Wieder Meister werden! Nun liegt der Druck auf der anderen Seite. Erinnerungen werden wach an den 25. März 2025, als die Seebner gegen Arosa vor ausverkauftem Haus unwiderstehlich bereits im dritten Finalspiel zum ersten Titel stürmten (4:0). Doch nun ist der Final anders. Ausgeglichener. Unberechenbarer. Hockey Huttwil ist in jeder Beziehung eine Nummer grösser als Arosa vor einem Jahr.

Hockey Huttwil hat den Viertelfinal auswärts in Frauenfeld entschieden (4:2), den Finaleinzug mit einem Auswärtssieg in Thun (3:2) sichergestellt und den dritten Final in Seewen in der Verlängerung 2:1 gewonnen. Hockey Huttwil kann also Auswärtsspiel. Die Chancen am Dienstag? 50:50. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

Klaus Zaugg

 

Stürmer Timon Nyffeler, Hockey Huttwil

 

Verfügbar ab 12 Uhr


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