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EHC Thun vs Hockey Huttwil 1:2
Drama-Sieg in Thun - viel Glück ist auch Können
Hockey Huttwil gewinnt einen intensiven, technisch und taktisch hochstehenden Spitzenkampf in Thun 2:1 (0:0, 1:0, 1:1). Torhüter Kevin Liechti hat für seine Mannschaft den Sieg „gestohlen“.
Thuns Cheftrainer Daniel Steiner bringt es nach einem Spiel, das ein sportliches Drama war, auf den Punkt: „Was soll ich sagen? Ich kann meinen Spielern keinen Vorwurf machen. Die Wahrheit steht halt oben auf der Resultattafel…“. Und dort oben steht nach 60 packenden Minuten 1:2. Das klare Torschussverhältnis von 36:21 (14:7, 7:8, 15:6) für Thun mag zeigen, wie sehr die Huttwiler auf ihren Goalie angewiesen waren, wie sehr sie phasenweise leiden mussten und wie viel Glück sie insbesondere im letzten Abschnitt bei zwei Stangenschüssen der Thuner benötigten.
Die grosse Frage vor diesem Spiel zwischen den zwei punktgleichen Spitzenteams war: Wie werden die Huttwiler auf die Niederlage gegen Schlusslicht Wetzikon (2:4) vom letzten Samstag reagieren? Zieht eine Krise herauf oder war es bloss ein „Betriebsunfall“? Im ersten Drittel kommt noch keine Reaktion und es gibt Grund zur Sorge. Trainer Daniel Bieri wird hinterher sogar sagen: „Das war unser schwächstes erstes Drittel in dieser Saison.“ Thun dominierte mit 14:7 Torschüssen. Daniel Steiner hat recht, wenn er nach dem Spiel sagt: „Wir haben den Sieg in den ersten 20 Minuten vergeben. Da hätten wir drei, vier Tore erzielen können, ja müssen.“ Die Thuner haben in den ersten 20 Minuten fünf, sechs, ja sieben Chancen, um das Spiel frühzeitig zu entscheiden. In dieser überaus kritischen Phase hat Kevin Liechti seine Mannschaft im Spiel gehalten und den Thunern den Sieg „gestohlen“. Mag sein, dass auch viel Glück im Spiel war. Aber viel Glück bedeutet im Fall von Huttwils Torhüter eben auch Können. Kevin Liechti überzeugte nicht nur mit Reflexen und Sicherheit, die auf seine Vordermänner ausstrahlte. Es war seine Fähigkeit, das Spiel zu lesen und in der Hektik die Übersicht zu bewahren, die es ihm ermöglichte, bis zur 54. jeden Puck abzuwehren und zu blockieren.
Zur Faszination dieses Spitzenspiels gehört die Reaktion der Huttwiler auf das ungenügende Startdrittel. Die Energie kehrt zurück. Die Mannschaft rückt zusammen, die Spieler „pushen“ sich gegenseitig. Mit einer höheren Intensität gelingt es, das Spielgeschehen auszugleichen und Topskorer Timo Braus trifft zum 1:0. Dieser Treffer in der 24. Minute ist für die Huttwiler wie ein Befreiungsschlag, wie eine Erlösung, sorgt für einen Energieschub und weckt im Spiel der Thuner die Dämonen des Zweifels und der Unsicherheit. Timo Braus ist nach diesem Treffer bester Torschütze der gesamten Liga (15 Spiele/12 Tore). Das hoch verdiente 1:1 in der 50. Minute bringt die Huttwiler zwar ins Wanken. Aber sie bleiben stehen. Natürlich gilt auch in der Schlussphase: Sie hatten bei zwei Stangenschüssen auch viel Glück. Aber erneut gilt: Glück ist auch Können. Ab der 54. Minute überstehen die Huttwiler gar vier Minuten in Unterzahl und insgesamt können die Thuner während der ganzen Partie 8 Minuten Powerplay nicht ausnützen. Dieses exzellente Boxplay erfordert viel Disziplin.
So wichtig das 1:0 von Timo Braus zu Beginn des zweiten Drittels auch war, um aus dem Tief der Anfangsphase herauszukommen und die Partie in die richtigen Bahnen zu lenken, so entscheidend sollte sich im weiteren Verlauf des Spiels die Leidenschaft der vierten Linie (Jan Andreas Weber, Janick Lanz, Timon Nyffeler) für die Energie, für das „Überleben“ der kritischen Phasen erweisen. Als Verteidiger hatte es Timon Nyffeler bis in die Junioren-Nationalmannschaft gebracht. Aber sein „kurze Zündschnur“ im Zweikampfverhalten machte ihn auf dem hohen Niveau der MyHockey League zum Risikofaktor in der eigenen Zone. Aber auf den Aussenbahnen ist er als Stürmer die perfekte Flügelfräse, die den Gegenspielern unter die Haut geht. Aus ihm einen Stürmer zu machen erweist sich immer mehr als wirkungsvollste Verwandlung seit Saulus zu Paulus geworden ist. Die Balance zwischen der Klasse der Künstler wie Timo Braus, die im richtigen Augenblick aufblitzte und dem Willen und der Wirkung der „Energiespieler“ – kurzum: der Zusammenhalt des Teams – war das eigentliche Erfolgsgeheimnis. Der Siegestreffer in der 51. Minute ist eine Kombination aus Wucht, Kraft, Mut und Kunst: Silvan Hess versenkt das Zuspiel von Janik Lanz ins Netz und setzt sich dabei im „Infight“ vor dem gegnerischen Tor so energisch, dass die Thuner eine Behinderung des Goalies monieren. Der Treffer war korrekt und hat eine Partie entschieden, die bis zur letzten Sekunde auf des Messers Schneide stand: Die Hockeygötter haben gewürfelt und die Würfel sind für Huttwil und gegen Thun gefallen. Nun folgt am Samstag im Campus Perspektiven um 17.30 Uhr gegen den grossen EHC Arosa – Schweizer Meister 1951, 1952, 1953, 1954, 1955, 1956, 1957, 1980 und 1982 - die nächste Herausforderung.
Klaus Zaugg