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Wie die Huttwiler die grosse „Hockeymaschine“ gestoppt haben

Nicht das spektakulärste, aber das beste Saisonspiel: Die Huttwiler gewinnen das Gipfeltreffen in Seewen 5:3 (1:0, 2:3, 2:0). Der 6. Sieg in Serie. In dieser Form ist Hockey Huttwil ein Titelkandidat.

Wie kann die grosse „Hockey-Maschine“ Seewen gestoppt werden? Das ist die grosse Frage. Der Meister führt vor dieser Partie die Tabelle mit zehn Punkten Vorsprung auf Hockey Huttwil an. Tatsächlich wird nach wenigen Minuten klar, dass es ein grosser Hockeyabend wird. Mit vielen Gelegenheiten, Heldengeschichten zu schreiben. Auch Headschiedsrichter Thomas Rüegg trägt viel dazu bei, dass es ein hochstehender Hockeyabend wird. Wenn hin und wieder Hektik aufkommt, beruhigt er die Hitzköpfe und leitet die Partie so klug, grosszügig und unauffällig, dass seine Präsenz kaum wahrgenommen wird.

Seewen dominiert die Liga durch seine Ausgeglichenheit über vier Linien, exzellente Spielorganisation und permanente Intensität. Jeder gegnerische Fehler wird unerbittlich ausgenützt, Rückschläge werden unbeeindruckt weggesteckt. Erst kürzlich ist Franches Montagnes nach einem 0:3-Rückstand noch mit 6:3 überrollt worden.

Die Huttwiler dosieren das offensive Risiko ohne passiv zu werden und spielen einfach, zweckmässig und intensiv.

Bald zeichnet sich ab: Zwei Faktoren werden dieses ausgeglichene Spitzenspiel entscheiden: Eine Zufälligkeit wie sie zu diesem unberechenbaren Spiel auf rutschiger Unterlage dazugehört oder individuelle Sternstunden.

Beides wird eintreten. Trotz wichtigen, verletzungsbedingten Absenzen (u.a. Verteidigungsminister Jonas Schwab und Rumpelstürmer Timon Nyffeler) spielen die Huttwiler konsequent mit vier Linien durch und halten so dem gegnerischen Druck stand. Coach Daniel Bieri hat seine guten Beziehungen zum SCB genützt und für diese Partie den Elite-Junior Yannic Offner (21) mit einer B-Lizenz übernommen. Der Stürmerfloh (171 cm/72 kg) kommt zu seinem ersten Spiel im Erwachsenenhockey und ist mit seiner Schlauheit, Beweglichkeit und magischen Stocktechnik am Flügel neben Michael Lüdi auch auf diesem Niveau gleich ein Farbtupfer. Er überlistet die gegnerische Abwehr in einer kritischen Phase zum 2:1.

Die dominante Spielerpersönlichkeit in einem starken Kollektiv ist Michael Lüdi. Der schlaksige Titan (184 cm/75 kg) dominiert das Spiel mit Schlauheit, Durchsetzungsvermögen und schnellen, magischen Händen, erzielt zwei Treffer (zum 1:0 und 3:1) und fädelt das 2:1 von Yannic Offner ein. Nach dem Spiel wird Daniel Bieri sagen: „Er ist ein Spieler, der in solchen Partien die Differenz machen kann. Das erhoffen wir uns von ihm und heute hat er es gemacht.“

In der 38. Minute trifft Luca Langenegger zum 3:3. Die Wende. Oder doch nicht? Der Puck prallt von der Umrandung zurück. Tor oder nicht Tor? Der Headschiedsrichter entscheidet nach Rücksprache mit seinen Linienrichtern auf Tor. Daniel Bieri hat am Sonntagvormittag die Videobilder noch einmal durchgesehen und sagt: „Wahrscheinlich war der Puck nicht drin. Aber es gibt keine Bilder, die mit hundertprozentiger Sicherheit zeigen, ob es ein Tor war oder nicht…“

Der Ausgleich fällt in einer so intensiven Partie durch einen umstrittenen Treffer: Das kann ein Team verunsichern und in die Niederlage führen. Doch die Huttwiler lassen sich nicht beirren. Sie protestieren nicht, retten sich in die Pause und werden im letzten Drittel die Partie entscheiden. Die Fähigkeit, sich nicht aus dem Konzept bringen zu lassen und sich sofort wieder aufs Spiel zu konzentrieren wird ein wichtiger Faktor.

Eine Kombination aus Zufall und Sternstunde bringt die Entscheidung. Topskorer Timo Braus gelingt es, die Rolle des Sündenbockes mit jener des Stars des Abends zu tauschen. Er hatte im Mitteldrittel die Entscheidung auf dem Stock gehabt, als er beim Stand von 3:1 allein losziehen konnte und vom gegnerischen Torhüter gestoppt wurde. Weiterhin 3:1 statt 4:1. Hätte Seewen die Partie noch gedreht, so wäre Timo Braus die Rolle des Sündenbockes sicher gewesen.

Er korrigiert dieses Missgeschick. Jay-Finn Kobler (24), der sich einst bei Zugs Farmteam in der zweithöchsten Liga bewährt hatte und inzwischen seit fünf Jahren zu den besten Goalies der MyHockey League zählt macht einen Fehler. Er gibt in der 54. Minute den Puck zu früh für seinen Verteidiger frei. Eigentlich eine Zufälligkeit. Timo Braus ist zur Stelle und schiebt zum 4:3 ein. Seine Sternstunde. Die Entscheidung. Seewen kann nicht mehr reagieren. Die Huttwiler reduzieren die Fehlerquote auf nahe Null, lassen keine Torchancen mehr zu und kontrollieren die Schlussphase mit einfachem Spiel. Unerbittlicher taktischer Realismus statt spielerische Schneckentänze. Das 5:3 ins leere Gehäuse ist lediglich Zugabe. Es ist gelungen, die grosse „Hockeymaschine“ Seewen mit Disziplin, Leidenschaft und taktischer Klugheit zum Stillstand zu bringen.

Mit diesem 6. Sieg in Serie (darunter zwei Derby-Triumphe gegen Langenthal) haben die Huttwiler die Konstanz erreicht, die in der ersten Saisonhälfte gefehlt hatte und die sie jetzt zum Mitfavoriten auf den Meistertitel macht. Am Mittwoch können sie diese Serie gegen Wetzikon auf eigenem Eis (20.00 Campus) verlängern. Die Zürcher darben 19 Punkte hinter Huttwil auf dem 9. Platz. Für Daniel Bieri wird es nicht einfach sein, seinen Männern klarzumachen, dass auch dieser Gegner nicht mit spielerischen Hosenknöpfen besiegt werden kann.

Klaus Zaugg


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